Industrialisierung in Bonn

Selbst zu Zeiten der Industriellen Revolution gab es im Bonner Stadtbild kaum Fabrikanlagen, eine bewusste Entscheidung der damaligen Kommunalpolitik: „Wir sehen es als eine unserer Hauptaufgaben an, den Zuzug wohlhabender Familien zu vermehren“, schrieb 1853 der Bonner Oberbürgermeister Leopold Kaufmann, nach seiner Einschätzung „die Hauptquelle des Wohlstandes allgemein und insbesondere unserer Gewerbetreibenden“.
Und im Jahr 1867 hieß es bei ihm: „Unsere Stadt ist mehr darauf angewiesen, in dem weit verbreiteten Ruf unserer Hochschule und in den verschiedenen Annehmlichkeiten des Lebens, welch die reizende Lage und die geistigen Genüsse der Kunst und Wissenschaft bieten, die Quelle ihres Wohlstandes zu finden und zu pflegen, als in der Entwicklung einer großartigen industriellen Tätigkeit."
- Zitate in den jeweiligen Verwaltungsberichten aus: Schloßmacher, Norbert, Leopold Kaufmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/leopold-kaufmann/DE-2086/lido/57c9330603bbf0.77521709 am 14.02.2026

Entsprechend dieser Leitlinie der Kommunalpolitik war das preußische Bonn im 19. Jahrhundert zunehmend zu einer Stadt reicher Rentner und Pensionäre geworden. Auch unter seinen Nachfolgern Hermann Jakob Doetsch und Wilhelm Spiritus konnten durch den Ausbau der Infrastruktur und die Schaffung attraktiver Wohngegenden überwiegend wohlhabende Neubürger hinzu gewonnen werden. Auf diese Weise entwickelte sich Bonn - wenn auch bei steigender Verschuldung - zu einer der finanzstärksten Städte in Preußen.
Auch im damals noch selbständigen Godesberg herrschte eine solche Meinung vor. Anton Dengler wirkte ab 1888 über 26 Jahre hinweg als Bürgermeister von Godesberg. Auch er setzte besonders auf Kurgäste und reiche Pensionäre. Dazu gehörte die Gestaltung des Rheinufers mit einer Dampfschiffbrücke an der Bastei, die Anlage Kurparks des Panoramaparks und (bis 1910) der etwa zweieinhalb Kilometer langen Rheinpromenade. Nur vereinzelt, wie rund um den Bahnhof Mehlem, entwickelte sich in diesem Bereich zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Industriegebiet. Ansonsten entstand ab 1899 das Industriegebiet Nord rund um die Friesdorfer Straße, bis zur Eingemeindung von Mehlem und Lannesdorf das einzige offizielle Gewerbegebiet in der Gemeinde Godesberg, später auch mit Anschluss an den 1913 eröffneten Güterbahnhof.
- siehe dazu: Godesberger Industrie

Lediglich im damals noch selbständigen Poppelsdorf und besonders im rechtsrheinischen Raum ließen sich Gewerbe- und Industriebetriebe in namhafter Zahl nieder. Im Jahr 1871 war hier die rechtsrheinische Eisenbahnstrecke Troisdorf-Oberkassel gebaut worden und damit der Anschluss an die Nord-Süd-Verbindung erreicht. Besonders nach dem Bau der Strecke entstand östlich des Beueler Bahnhofs auf billigem und landwirtschaftlich wertlosem Gelände umfangreiche Industrie. Da die Stadt Bonn seinerzeit gegenüber einer Industrieansiedlung und -ausweitung eine ablehnende Haltung einnahm, erlangte das Gebiet auf rechten Rheinseite an überregionaler Bedeutung.
Als einer der Ersten hatte sich der Kölner Leinenhändler Alfred Hieronymus im Beueler Osten angesiedelt, der bereits 1860 eine Juteweberei am Bonner Talweg gegründet hatte, die dort auf wenig Gegenliebe stieß. 1868 erfolgte der Umzug über den Rhein. Ein weiteres Beispiel ist die Bonner Chemiefabrik Marquardt, die im Jahr 1891 umsiedelte.
- siehe dazu: Beueler Industriegeschichte

In Poppelsdorf gehörte die „Porzellan- und Steingutfabrik Ludwig Wessel“ zusammen mit anderen Keramikfabriken Mitte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigsten Triebkräften der Industrialisierung und zu den größten Arbeitgebern in Bonn und Umgebung. Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen, das seit dem Jahr 1888 als „Ludwig Wessel AG für Porzellan – und Steingut-Fabrikation“ firmierte, um die Jahrhundertwende. Bereits im Jahr 1889 wurde eine Bahnanbindung vom Firmengelände zum Bonner Güterbahnhof errichtet und 1890 in Betrieb genommen, die sogenannte Wesselbahn. Die 1880 bei Witterschlick entdeckten Blauton-Vorkommen waren ein wichtiger Rohstoff für Wessels Produktion und konnten über die Voreifelbahn erschlossen werden.
Auch das Stammwerk der Firma Soennecken in Poppelsdorf war ein wichtiger wirtschaftlicher Standort. Einige Zeit nach der Firmengründung erwarb Friedrich Soennecken hier im Jahr 1883 das Areal zwischen Jagdweg und der heutigen Kirschallee, die im damals selbständigen Poppelsdorf noch Rathausstraße hieß, und errichtete hier in den folgenden zwei Jahren einen dreistöckigen Produktionskomplex sowie ein fünfstöckiges Bürogebäude, das bis 1909 um einen weiteren Produktionskomplex erweitert wurde.
siehe auch

- Arbeiterwohnen in Bonn
- Biskuithalle Bonn
- Bonn-Cölner Eisenbahn-Gesellschaft
- Bonner Fahnenfabrik
- Ehemaliges Straßenbahndepot Bonn
- Industrialisierung in Beuel
- Kaffeerösterei A. Zuntz sel. Wwe. Bonn
- Kurfürstenbrauerei Bonn
- Soennecken-Werk in Poppelsdorf
- Steingutfabrik Franz Anton Mehlem Bonn
- Trajekt
- Vereinigte Aluminiumwerke Bonn
- Wesselwerke in Poppelsdorf