Industrialisierung in Beuel


Foto: Hans-Dieter Weber

Kein Bonner Stadtbezirk hat in seiner Wirtschafts-Geschichte einen dermaßen tief greifenden Wandel erlebt wie Beuel. Zum Ende des 19. Jahrhundert hatte sich auf der rechten Rheinseite zu Bonn ein regelrechter Arbeiter- und Industrievorort entwickelt.
Im Jahr 1871 war die Eisenbahnstrecke Troisdorf-Oberkassel gebaut worden und damit der Anschluss an die Nord-Süd-Verbindung erreicht. Besonders nach dem Bau der Strecke entstand östlich des Beueler Bahnhofs auf billigem und landwirtschaftlich wertlosem Gelände umfangreiche Industrie. Da die Stadt Bonn seinerzeit gegenüber einer Industrieansiedlung und -ausweitung eine ablehnende Haltung einnahm, erlangte das Gebiet auf Beueler Seite an überregionaler Bedeutung. Da ihnen hier mehr Platz zur Verfügung stand, verlagerten viele Betrieb ihren Sitz hierhin.
Als einer der Ersten hatte sich der Kölner Leinenhändler Alfred Hieronymus im Beueler Osten angesiedelt, der bereits 1860 eine Juteweberei am Bonner Talweg gegründet hatte, die dort auf wenig Gegenliebe stieß. 1868 erfolgte der Umzug über den Rhein, wo zunächst bis zum Konkurs in 1886 produziert wurde. Doch die Nachfrage an Jutesäcken war riesig und schon im Folgejahr startete unter dem Namen Westdeutsche Jutespinnerei und Weberei an der heutigen Siegburger Straße erneut die Produktion.
Das Fabrikgelände der ehemaligen Jutespinnerei in Beuel wurde in zwei wesentlichen Bauphasen gestaltet, wobei im Jahr 1868 der große Spinn- und Webraum entstand als Backsteingebäude mit Ziergiebeln und zum Teil hohen Rundbogenfenstern. Auch das Kesselhaus mit dem 46 Meter hohen Schornstein gehört zu den ursprünglichen Gebäuden. Diese Gebäude wurden dann 1898 entlang der Siegburger Straße erweitert.
Im Jahr 1891 siedelte auch die Bonner Chemiefabrik Marquardt nach Beuel um. Später kamen weitere hinzu, wie die ehemalige Rheinische Tapetenfabrik, die 1893 gegründet wurde, die Lackfabrik der Gebrüder Bornfeld, die Firma Kessko mit ihren süßen Produkten, das Guilleaume-Werk, das aus der Bonner Steingutfabrik Franz Anton Mehlem hervorgegangen war und 1920 die Schleifmittelfabrik dieser Firma in die Beueler Gartenstraße verlegte, und nicht zuletzt die Zementfabrik. An die im Jahr 1856 von der "Bonner Bergwerks- und Hüttenverein Actiengesellschaft" gegründete „Cementfabrik Obercassel“ erinnern heute am Bonner Bogen noch der Wasserturm, die Direktorenvilla und die Rohmühle.
Weitere kleinere Industriebetriebe und etwa 30 Wäschereien boten der Bevölkerung auf der rechten Rheinseite Arbeit. Doch der „Beueler Duft“ - ein Markenzeichen der Beueler Wäschereien - war in dieser Zeit zumindest im Beueler Osten längst einer Mischung aus Öl, Lösungsmitteln, Mottenkugeln, Teer und Schokolade gewichen. Und Tausende arbeiteten hier zum Teil für Hungerlöhne.
Zu den namhaften Unternehmen, die heute nicht mehr existieren, zählte auch die im 1888 gegründete „Mittelrheinische Theerproducten- und Dachpappen-Fabriek August Wilhelm Andernach“ oder die von Ferdinand Hoffstätter gegründete Fabrik für Orden und Ehrenzeichen, ferner die Vaseline-Fabrik Rhenania sowie die Rheinischen Schmirgelwerke, die das Scheuermittel Nicco herstellten.
Andere bedeutende Fabriken beherbergen heute Kultur- und andere Einrichtungen, neben der im Jahr 1893 gegründeten Rheinischen Tapetenfabrik die 1903 gegründete Germania Brotfabrik oder die im Jahr 1867 gegründete Jutefabrik.
Beueler Betriebe

eine Auswahl:
Backwaren und Nährmittel:
Bedachungsmaterial:
Chemische Fabrik:
Jutespinnerei:
Tapetenfabriken:
Zementwerk Oberkassel:
siehe auch

Weblinks und Quellen
- Artikel im Bonner General-Anzeiger vom 6. Januar 2022: Wie sich die Industrie in Beuel ansiedelte
- Artikel im Bonner General-Anzeiger vom 11. Mai 2012: Beueler Industriegeschichte - Mit der Wäsche fing alles an
- „Traditionsbetriebe und historische Firmen in Bonn”. In: KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. URL: https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-242165 (Abgerufen: 29. Juni 2023)