Selbst zu Zeiten der Industriellen Revolution gab es im Bonner Stadtbild kaum Fabrikanlagen, eine bewusste Entscheidung der damaligen Kommunalpolitik: „Wir sehen es als eine unserer Hauptaufgaben an, den Zuzug wohlhabender Familien zu vermehren“, schrieb 1853 der Bonner Oberbürgermeister Leopold Kaufmann, nach seiner Einschätzung „die Hauptquelle des Wohlstandes allgemein und insbesondere unserer Gewerbetreibenden“.

Ehemaliges Straßenbahndepot in Bonn-Castell

Und im Jahr 1867 hieß es bei ihm: „Un­se­re Stadt ist mehr dar­auf an­ge­wie­sen, in dem weit ver­brei­te­ten Ruf un­se­rer Hoch­schu­le und in den ver­schie­de­nen An­nehm­lich­kei­ten des Le­bens, welch die rei­zen­de La­ge und die geis­ti­gen Ge­nüs­se der Kunst und Wis­sen­schaft bie­ten, die Quel­le ih­res Wohl­stan­des zu fin­den und zu pfle­gen, als in der Ent­wick­lung ei­ner gro­ßar­ti­gen in­dus­tri­el­len Tä­tig­keit."

Gebäude von A. Zuntz sel. Wwe in Bonn

Entsprechend dieser Leitlinie der Kommunalpolitik war das preußische Bonn im 19. Jahrhundert zunehmend zu einer Stadt reicher Rentner und Pensionäre geworden. Auch unter seinen Nachfolgern Hermann Jakob Doetsch und Wilhelm Spiritus konnten durch den Aus­bau der In­fra­struk­tur und die Schaf­fung at­trak­ti­ver Wohn­ge­gen­den über­wie­gend wohl­ha­ben­de Neu­bür­ger hinzu ge­won­nen wer­den. Auf die­se Wei­se ent­wi­ckel­te sich Bonn - wenn auch bei stei­gen­der Ver­schul­dung - zu ei­ner der fi­nanz­stärks­ten Städ­te in Preu­ßen.

Auch im damals noch selbständigen Godesberg herrschte eine solche Meinung vor. Anton Dengler wirkte ab 1888 über 26 Jahre hinweg als Bürgermeister von Godesberg. Auch er setzte besonders auf Kurgäste und reiche Pensionäre. Dazu gehörte die Gestaltung des Rheinufers mit einer Dampfschiffbrücke an der Bastei, die Anlage Kurparks des Panoramaparks und (bis 1910) der etwa zweieinhalb Kilometer langen Rheinpromenade. Nur vereinzelt, wie rund um den Bahnhof Mehlem, entwickelte sich in diesem Bereich zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Industriegebiet. Ansonsten entstand ab 1899 das Industriegebiet Nord rund um die Friesdorfer Straße, bis zur Eingemeindung von Mehlem und Lannesdorf das einzige offizielle Gewerbegebiet in der Gemeinde Godesberg, später auch mit Anschluss an den 1913 eröffneten Güterbahnhof.

Blick von der Siegburger Straße zur ehemaligen Jutefabrik in Beuel

Lediglich im damals noch selbständigen Poppelsdorf und besonders im rechtsrheinischen Raum ließen sich Gewerbe- und Industriebetriebe in namhafter Zahl nieder. Im Jahr 1871 war hier die rechtsrheinische Eisenbahnstrecke Troisdorf-Oberkassel gebaut worden und damit der Anschluss an die Nord-Süd-Verbindung erreicht. Besonders nach dem Bau der Strecke entstand östlich des Beueler Bahnhofs auf billigem und landwirtschaftlich wertlosem Gelände umfangreiche Industrie. Da die Stadt Bonn seinerzeit gegenüber einer Industrieansiedlung und -ausweitung eine ablehnende Haltung einnahm, erlangte das Gebiet auf rechten Rheinseite an überregionaler Bedeutung.

Als einer der Ersten hatte sich der Kölner Leinenhändler Alfred Hieronymus im Beueler Osten angesiedelt, der bereits 1860 eine Juteweberei am Bonner Talweg gegründet hatte, die dort auf wenig Gegenliebe stieß. 1868 erfolgte der Umzug über den Rhein. Ein weiteres Beispiel ist die Bonner Chemiefabrik Marquardt, die im Jahr 1891 umsiedelte.

Ehemaliges Soennecken Werk in Poppelsdorf

In Poppelsdorf gehörte die „Porzellan- und Steingutfabrik Ludwig Wessel“ zusammen mit anderen Keramikfabriken Mitte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigsten Triebkräften der Industrialisierung und zu den größten Arbeitgebern in Bonn und Umgebung. Seine Blütezeit erlebte das Unternehmen, das seit dem Jahr 1888 als „Ludwig Wessel AG für Porzellan – und Steingut-Fabrikation“ firmierte, um die Jahrhundertwende. Bereits im Jahr 1889 wurde eine Bahnanbindung vom Firmengelände zum Bonner Güterbahnhof errichtet und 1890 in Betrieb genommen, die sogenannte Wesselbahn. Die 1880 bei Witterschlick entdeckten Blauton-Vorkommen waren ein wichtiger Rohstoff für Wessels Produktion und konnten über die Voreifelbahn erschlossen werden.

Auch das Stammwerk der Firma Soennecken in Poppelsdorf war ein wichtiger wirtschaftlicher Standort. Einige Zeit nach der Firmengründung erwarb Friedrich Soennecken hier im Jahr 1883 das Areal zwischen Jagdweg und der heutigen Kirschallee, die im damals selbständigen Poppelsdorf noch Rathausstraße hieß, und errichtete hier in den folgenden zwei Jahren einen dreistöckigen Produktionskomplex sowie ein fünfstöckiges Bürogebäude, das bis 1909 um einen weiteren Produktionskomplex erweitert wurde.

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Eine Fährponte mit Wagen und Lokomotive am Bonner Rheinufer um 1900. - Foto: Stadtarchiv Bonn